Donnerstag, 24. Februar 2011

Promotion und Doktortitel – Welchen Sinn hat eine Promotion und was ist sie wert?

Eine Diskussion, die wichtiger ist als die um Herrn zu Guttenberg

Selten führt wissenschaftliches Fehlverhalten zu großer medialer Aufmerksamkeit. Das ist immer nur dann der Fall, wenn entweder bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse sich als gefälscht heraus stellen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens betroffen sind. Im Fall des Herrn (Dr.) zu Guttenberg dürfte ausschließlich letzteres der Fall sein. Denn gefälscht wurde hier nichts, sondern nur kopiert. Zudem finden sich wahrscheinlich auch keine bedeutenden wissenschaftlichen Erkenntnisse in seiner Dissertation, die immerhin für ein „summa cum laude“ ausgereicht hat. Zumindest darf man doch am wissenschaftlichen Wert einer Doktorarbeit zweifeln, wenn wörtlich auch aus wenig wissenschaftlichen Quellen abgeschrieben wurde.
Deshalb soll an dieser Stelle auch keine Diskussion über Herrn zu Guttenberg und sein Verbleiben im Amt geführt werden, wie diese schon ausreichend in allen Medien und politischen Lagern geführt wurde. Es soll vielmehr der Fokus auf den Wert des akademischen Doktorgrads, der fälschlicherweise oft als Titel bezeichnet wird, gerichtet werden. Dabei sollen zwei Hauptaspekte zum Tragen kommen, nämlich die Frage der durch den Doktorgrad ausgedrückten Qualifikation sowie die Frage der mit dem Grad verbundenen Reputation.

„Dr. med.“ vs. „Dr.-Ing.“

Wenn Menschen sich nach dem Studium für eine Promotion entscheiden, so kann das viele Gründe haben. Neben zahlreichen individuellen Motiven ist es vor allem eine Frage des Studienfachs. Während ein Mediziner schon fast gezwungen ist, zu promovieren, damit er nicht ständig falsch angesprochen wird, wird es sich ein Diplom-Ingenieur dreimal überlegen, ob er wirklich promovieren soll. Denn es geht um nicht weniger als Zeit, Geld und Berufschancen. Während man in der Medizin schon, überspitzt formuliert, studienbegleitend promovieren kann, muss ein Naturwissenschaftler in der Regel drei Jahre und ein Ingenieur sogar fünf Jahre seines Lebens investieren. Während mancher Geisteswissenschaftler sich vielleicht noch über eine Bezahlung als wissenschaftlicher Mitarbeiter freut, rechnet ein Ingenieur schon aus, wie viel Geld ihm durch die Promotion pro Tag verloren geht. Der Chemiker hingegen beobachtet, dass seine Berufschancen ohne Promotion gegen null und mit Promotion gegen unendlich gehen. Nach null bis fünf oder mehr Jahren bekommen (hoffentlich) dann alle ihren angestrebten akademischen Grad. Der Zusatz kennzeichnet dabei nicht nur das Fachgebiet, sondern in gewissem Maße auch den Aufwand. Während noch vor hundert Jahren der „Dr.-Ing.“ als minderwertiger angesehen wurde und deshalb auch als einziger mit Bindestrich geschrieben wird, steht er heute für hohen Aufwand und wissenschaftlichen Anspruch. Inzwischen gilt nicht ganz zu Unrecht der „Dr. med.“ als inflationär vergebener Grad. Selbst das European Research Council (ERC) hält diesen für nicht vergleichbar mit anderen Doktorgraden. Der „Dr. jur.“ hat auch dank des Herrn zu Guttenberg ebenso an Ansehen eingebüßt.
Doch nun verhält es sich nicht so, dass sich nur der promovierte Ingenieur über den promovierten Mediziner aufregt. Auch zwischen den Universitäten und innerhalb der Fächer gibt es gewaltige Unterschiede im Anspruch an die wissenschaftliche Qualität. In jedem Fall bietet die nach außen getragene, aber nur scheinbare Vergleichbarkeit der Grade jede Menge Konfliktpotential. Sie ist damit die konsequente Fortsetzung der Frage der Vergleichbarkeit von Diplom- oder Mastergraden verschiedener Fächer und Hochschulen. Da der Doktorgrad aber im Namen geführt wird, zumindest in Deutschland, hat dieser eine besondere Brisanz.

Karriereturbo Doktorgrad

Man sagt, die Deutschen seien titelverliebt. Obwohl der Doktorgrad kein Titel ist, so steckt doch Wahrheit in diesem Satz. In Deutschland ist es selbstverständlich, seinen Doktorgrad grundsätzlich immer im Namen zu tragen, selbst im Versandhandel als Empfänger „Dr. XY“ anzugeben und sich den Grad natürlich auch aufs Klingelschild zu schreiben. Im europäischen und außereuropäischen Ausland ist das unüblich. In den USA bekommt man auch nur einen „Ph.D.“ verliehen, der (gerichtlich bestätigt) nicht einem deutschen Doktorgrad entspricht und auch nicht in dieser Form geführt werden darf. Schaut man sich jetzt die Besetzung der politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen an, so wimmelt es nur so von Promovierten. Das betrifft dabei auch nicht nur absolute Spitzenpositionen. Wenn das ein Zeichen sein sollte, dass in solchen Positionen wissenschaftliche Qualifikationen besonders gefragt sind, so wäre das zwar eigenartig, aber nicht bedenklich. Tatsächlich muss man sich aber fragen, ob nicht alleine der Doktor im Namen und auf der Visitenkarte ein Karriereturbo und ein Statussymbol ist. Er zeugt von Ansehen, nicht von Kompetenz. Damit hat er vielleicht in der Tat mehr mit einem Titel, wie einem Adelstitel zu früheren Zeiten, gemein. Wie viele Doktoranden würde es in Deutschland noch geben, wenn man keinen Doktorgrad im Namen tragen dürfte und er als rein wissenschaftliche Qualifikation angesehen würde? Sicherlich gäbe es immer noch einige, aber deutlich weniger. Warum bezahlen Menschen für einen Doktortitel oder lassen sich von Ghostwritern ihre Dissertationen schreiben? Sicherlich tun sie das nicht, um im akademischen Bereich mit einer höheren formalen Qualifikation arbeiten zu können. Weshalb hat Herr zu Guttenberg trotz mangelnder Zeit sieben Jahre an seiner Promotion gearbeitet und ein derartiges wissenschaftliches Fehlverhalten in Kauf genommen? Die naheliegende Antwort führt auf die grundsätzliche Frage, die es zu beantworten gilt: Welchen Sinn hat die Promotion und welchen sollte sie haben?
Für mich persönlich stellt sich auch die Frage: Möchte ich nach dem Studium promovieren? Vielleicht.

Der Autor studiert Elektrotechnik und Informationstechnik an der RWTH Aachen und war u.a. mehrere Jahre Mitglied der Kommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens der RWTH Aachen und Mitglied des Promotionsausschusses der Fakultät für Elektrotechnik.

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